Voraussichtliche Reisedaten

Sonntag, 28. April 2019

27. April 2019 | Tiflis (GE)

Heute war ein Stadttag angesagt.

Wir setzten uns Richtung Altstadt in Bewegung und bummelten durch die Gassen der Stadt. Ich zeigte Lorenz ein paar Orte, die ich am Vortag entdeckt hatte, dabei entdeckten wir neue Orte und sahen viele interessante Dinge, die uns entweder zum Staunen oder zum Schmunzeln brachten.
Da waren die Polizisten am Meidan, die scheinbar wahllos Autos aus dem Verkehr zur Seite wiesen und kontrollierten, dabei immer wieder mit einer Lautsprecheranlage lautstark auf georgisch Anweisungen gaben und schaurig wichtig taten.
Oder die vielen jungen Georgier, die verzweifelt versuchten, ihre Flyer für Touren durch die Stadt oder in entlegene Teile des Landes an Touristen zu verteilen, welche diese bei nächster Gelegenheit bestenfalls in einen Abfallkübel, oft jedoch achtlos auf den Boden fallen liessen.
Wir entdeckten auch Altstoffsammelstellen für PET-Flaschen, Aludosen, Papier und Brot, die an ungünstigen Orten versteckt aufgestellt waren. Eine ausländische Organisation stellt diese auf – offiziell wird Müll in den Städten eingesammelt und irgendwo deponiert. Kehrrichtverbrennungsanlagen existieren in Georgien nicht.
Und wir machten viele russische Touristinnen mit aufgespritzten Lippen und offensichtlich silikonvergrösserten Brüsten in ihren knappen lackglänzenden Minis aus, die auf altstaduntauglichen Stilettos ihren schmerbäuchigen Männern hinterher tippelten. Der geneigten Leserschaft sei verraten, dass wir trotz aller moralischer Bedenken Ivan mit Halbglatze und Plattfüssen ein klein wenig beneideten.
Oder wir suchten verzweifelt nach einer der nicht existenten öffentlichen Toiletten um uns des Drucks der Blase zu erleichtern.

Xoff nach dem Coiffeurbesuch
Unser erklärtes Tagesziel war, einen Barber-Shop oder Coiffeur zu finden, wo wir unsere Haare waschen und schneiden lassen konnten und wo auch unser wild wachsendes Gebüsch im Gesicht eine Form erhalten sollte und dann «Bart» genannt werden könnte. Das Schild am Eingang in einen weiten Flur liess Grosses erahnen und eine sympathische und hübsche junge Georgierin empfing uns mit einem Lächeln. Sie erklärte der des Englischen nicht mächtigen Coiffeuse unsere Wünsche und ich begab mich zuerst in deren Obhut. Schnell stellte sich heraus, dass die beleibte Mama noch nicht lange Schere und Kamm in den Händen zu haben pflegte und dass sie von Männerhaarschnitten und erst recht vom Rasieren nicht viel Ahnung hatte. Nach rund 20 Minuten verliess ich mit hinten-und-auf-der-Seite-kurz-und-oben-etwas-länger, sowie mit der Tendeuse kurz geschnittenen Barthaaren den Ort des Verbrechens, schob meine Sisalmütze zum Schutz vor den Blicken der vielen Touristen über den gelverklebten Stufenschnitt, machte gute Miene zum bösen Spiel und schickte Lorenz hinein auf die Schlachtbank. Auch er zückte nach Verlassen des Etablissements unschuldig und breit grinsend seinen Sonnenhut.

Mother of Georgia
Nach dieser Erfahrung war Nahrungsaufnahme angesagt. Nach einem Takeaway-Kebab mit anschliessendem Kaffee zwecks Toilettenbenutzung im Touristenzentrum stiegen wir gefühlte Tausend Stufen hinauf zu «Mother of Georgia», einer metallisch glänzenden Riesenstatue einer Titanin mit Schwert in der Hand, die stolz und hehr über der Stadt steht, nur um zu realisieren, dass wir auch mit dem Muni hätten hochfahren können. Der Weg führte uns durch malerische, an den Steilhang gehängte Quartiere, wo findige Bewohner Cafés und Obststände führen um den von den Strapazen gebeutelten Touristen eine Erfrischung zu offerieren.










Touristen auf der Krete
Oben, auf der Krete eines Hügelzuges am westlichen Ende der Altstadt, wo noch Reste der alten Stadtbefestigung erhalten sind, bieten die gleichen Souvenirverkäufer wie an jedem touristisch interessanten Ort der Welt den genau gleichen ortsunabhängigen Schrott an, von Heiligenbildchen, Plastikkalaschnikows und Strickwaren über Gläser mit den immergleichen Konfitüren und Honigen bis zu den ultimativ hässlichsten Ohrringen und Halskettchen, die man in derselben Assortierung auch auf Kreta, beim Vatikan und im Death Valley findet. Und immer ist da einer, der auf seiner Gitarre einen Song von Robby Williams schrammt oder ein Amy Winehouse-Verschnitt, die versucht ein paar Batzen zu verdienen.

Dort oben hatten wir aber trotz der touristischen Ablenkung eine grossartige Sicht auf die Stadt, konnten die Sehenswürdigkeiten geografisch einordnen und unsere nächsten Schritte planen.

Besondere Erwähnung verdient die in Form architektonischer Verbrechen zutage tretende Perversion allzu reicher Oligarchen. Der eben abgetretene Regierungschef Georgiens ist ein besonders leuchtendes Beispiel dafür. Er liess nicht nur hinter dem Präsidentenpalast eine allen formalen Regeln spottende Basilika zu seinen eigenen Ehren errichten, sondern baute sich gegenüber, auf der gleichen Krete wie «Mother of Georgia», eine Villa die jeden Architekten und Stadtbildsachverständigen das Grauen lehrt.

Obwohl eine Seilbahn uns den Weg zurück ans Ufer des Mkvari erleichtert hätte, nahmen wir den Rückweg lieber unter die Füsse und genossen das Eintauchen in die Häuserflut langsam und unmittelbar.

Jetzt, Ende Nachmittag, machten wir uns frisch, nahmen die sorgfältig verpackten Anzüge heraus und pimpten uns so richtig auf. So hergerichtet gingen wir abermals in die Stadt, diesmal aber gediegen zuerst in eine Wein-Bar, um einen Apéro zu nehmen. Dort, inmitten Hunderter Weinflaschen, erfuhren wir, dass allein in diesem Geschäft über 800 verschiedene georgische Weine verkauft werden, dass in Georgien seit 6000 Jahren Wein angebaut wird und dass dieser traditionell in grossen, im Erdboden eingelassenen Ton-Amphoren gereift und gelagert wird.

In der nächsten Wein-Bar, die an einer unscheinbaren Tür mit dem Slogan «Come In – It'sCool Insisde» warb, erhielten wir eine Käseplatte von verschieden aussehenden, jedoch sehr ähnlich schmeckenden Käsesorten zu je einem der vielen georgischen Weine aufgetischt.

Jetzt fehlten nur noch ein kleiner Salat, etwas Rauch-Rohschinken und ein paar neue Bratkartoffeln mit einer Preiselbeersosse in einem weiteren, an der Touristenmeile gelegenen Restaurant, um unsere Mägen zu befriedigen und uns bettschwer zu machen. Eine Partie Backgammon im Muni rundete den perfekten Abend ab und wir verliessen den Tag auf unserem tollen Standplatz mit zufriedenem Gemüt.

Dir Fotos von diesem Tag sind Handyfotos, da ich Dussel vergessen hatte, die SD-Card in die Kamera zu stecken...;)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

21. Juli 2019 | Basel | Danke!

Rumänien - Constanta Ich sitze knappe 48 Stunden nach unserer Rückkehr in die Schweiz gemütlich in Susannes Wohnzimmer bei einen Schw...