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Donnerstag, 11. Juli 2019

11. Juli 2019 | Саратов (Saratov) (RU) | Gestrandet am Stadtrand von Саратов - Rückkehr fraglich oder "der Kupplungszylinder" – Beitrag von Lorenz

Wie immer begrüsste uns der Tag mit sonnigem Wetter, knusprigem Toast und – hier vom lokalen Strassenrandimker erstandenem – süssem Honig und natürlich dem obligaten Schwarztee, für Christoph mit viel Zucker und Milch(pulver)!

Rasoul, unser Nachbar, und Xoff

Rasoul, der Lastwagenfahrer aus Dagestan, der seinen LKW neben unserem geparkt hatte, kam auf einen Schwarztee mit Zucker (ohne Milch) vorbei und wir redeten so gut es mit einer kleinen Schnittmenge an Sprachfetzen ging. Als wir auf unsere Kinder zu sprechen kamen meinte er, in Dagestan habe jedes Paar 10 Kinder. Das sei dort normal. Er habe erst drei aber er sei ja auch noch jung. Als wir ihn auf unserer Trophäentür der Küchenkombination unterschreiben liessen realisierten wir, dass er wahrscheinlich gar nicht richtig schreiben kann...so schwer fiel es ihm, den Namen seines Landes hin zu schreiben...wogegen die Unterschrift ihm tadellos und flüssig aus der Hand floss. Er liess uns ein paar feine Kirschen aus Dagestan da und machte sich mit seinen 10 Tonnen PET-Flaschen-Deckeln aus Новосибирск (Novosibirsk) auf den Weg in seine Heimat.

nicht jeder hat ein Badezimmer - unser anderer Nachbar bei der Morgenwäsche

Wie immer vor Abfahrt kontrollierten wir das Fahrzeug und da bemerkte ich unterhalb des Getriebes eine papiersackgrosse Lache im trockenen Staub liegen. Zunächst dachte ich, einer von uns hätte wie unter Chauffeuren schon mal üblich unter den LKW geschifft...aber meine eigene Erfahrung sagte mir, dass die Glungge zu weit vom Rad entfernt lag. Unter dem Fahrzeug liegend entdeckte ich den Ursprung sofort: Der Kupplungs-Nehmerzylinder tropfte gemütlich vor sich hin und hatte bereits fast den ganzen Inhalt des Expansionsgefässes in der Fahrerkabine abgelassen. Damit war klar: Die Kupplung ist hin! Weiterfahrt unmöglich. Wir beratschlagten verschiedenen Optionen und entschieden uns schliesslich, den Zylinder auszubauen und zu reinigen. 

Ausbau unumgänglich

In ausgebautem Zustand zeigte sich das Ausmass der Verunreinigung aber erst richtig: Ablagerungen, korrodierte Stellen und ein zerschlissener Gummibalg, unmöglich, das vor Ort sauber zu reinigen. 

ausgelaufendes Öl, ein defekter Gummibalg und zwei Schweizer mit langen Gesichtern

Direkt neben dem Parkplatz fand ich eine kleine Ersatzteilwerkstatt für LKWs. Die Männer im Geschäft versuchten erst mein Problem zu verstehen (niemand spricht die Sprache des jeweils anderen) und fingen dann eifrig an, in ihrem Computersystem mit Fahrzeugnummern, Teilebezeichnung, Google-Bildern und regem Telefonieren des Problems Herr zu werden. Es waren Momente zwischen Hoffnung und Bangen, denn einmal deutete ich die Gesten und Blicke der Herren als erfolgversprechend, worauf dann aber immer ein нет («niet», nein) folgte. Schliesslich gab man mir zu verstehen, dass ich mit einem Taxifahrer nach Саратов (Saratov) in die Stadt fahren soll, um dort entweder ein neues Teil in einem grösseren LKW-Fachhandel zu finden oder aber einen Ремонт zu machen, d.h. das Teil zu reparieren. Los gings im 1992 Mitsubishi (800'000 km) des Taxifahrers Алексей (Alexei), der nicht schneller als 50 fahren konnte und der bei jedem Stopp gleich ganz abstellte. Er erklärte mir, dass er mich zu einer Firma fahren würde, die bekannt sei, für super Ремонт-Arbeiten. Er selbst habe sein Fahrzeug auch dort ремонт-en lassen, was mich natürlich bei jedem neuen Motorabsterber sehr beruhigte! Zunächst suchten wir aber zwei LKW-Fachgeschäfte auf und die Herren an den Computern, eingeklemmt zwischen Regalen bis an die Decke vollgestopft mit Düsen, Gummischläuchen, Federbälgen, Lenkrädern, Gaspedalen, Kabelsträngen und Schrauben in jeder Grösse und Form gaben sich alle erdenkliche Mühe, meinen mitgebrachten Zylinder irgendwo im weiten Russland zu finden. Und tatsächlich, da war er: Exakt das gleiche Modell! Freude herrschte, bis mir erklärt wurde, dass dieser in Minsk im Lager liege und eine Lieferung frühestens anfangs nächste Woche möglich sei! Die Aussicht auf mehrere Tage campieren auf einem LKW-Parkplatz der russischen Sorte ist mässig romantisch und so entschied ich mich, es erst mit einem Ремонт zu versuchen. Die Firma lag zwar am Ende einer Schlaglochwüste, aber beim Betreten der Lobby und einem Blick in die Werkstatt war sofort klar: Hier wird sauber gearbeitet. spitalmässig sauber! Es warteten zwar etwa 5 Leute, alle auch mit ihrem dringenden Problem, das vermutlich ebenfalls besser gestern als heute gelöst werden musste, aber Алексей schritt direkt an allen vorbei, diskutierte auf den noch telefonierenden Angestellten ein und kurz darauf erschien ein Werkstattmitarbeiter, nahm den Zylinder in Empfang und verschwand damit im Werkstatt-OPS.
Um die Wartezeit zu verkürzen, suchten wir eine andere Autogarage auf, denn Алексей war überzeugt, dass das Problem seines serbelnden Autos am Motoren-Öl liegen muss. Auch bei dieser Garage legte Алексей das Tempo des entschlossen Ungeduldigen an den Tag: Eingangstüre verschlossen, da Mittagspause, dann halt unter dem halbgeöffneten Garageneinfahrtstor reinschlüpfen, rumrufen, auf die Telefonnummer der Firma telefonieren und zwar so lange, bis ein Mittarbeiter, noch mit der Mittagspausen-Teetasse in der Hand vom Essen erschien und des Autos von Алексей annahm. Öl wurde abgelassen, Öl wurde nachgefüllt, Messstab wurde kontrolliert, Messstab wurde beschnuppert, Motor wurde abgehört, noch mehr Öl wurde nachgefüllt und 2000 Rubel später für das Öl und 250 Rubel für die Arbeit fuhren wir – oh Wunder - in zügigem Tempo und ohne Abwürger direkt über zwei Rotlichter hinweg wieder los. In der Zwischenzeit rief Алексей mindestens einmal pro Stunde in der Ремонт-Firma an, wann denn der Zylinder nun endlich fertig sei bis die Nachricht kam, er läge bereit, nota bene drei Stunden nachdem wir ihn um 11.45 Uhr abgeliefert haben minus eineinhalb Stunden Mittagspause!) Der Chef persönlich brachte uns das Teil, tiptop instand gestellt, voll funktionstüchtig mit entstopfter Entlüftungsschraube und sauber geputzt! 

ein reparierter Zylinder wie neu

Als ich die Rechnung verlangte, klopfte er mir freundliche auf die Schulter, sagte нет und давай («dawai», los!) Es gelang mir dann nach einigem Hin und Her doch noch, ein paar Scheine in die Bierkasse der Angestellten zu spenden! Nun gab es aber kein Halten mehr und Алексей drückte mit seinem wieder zum Leben erwachten Mitsubishi mit einem breiten Grinsen so richtig auf die Tube und ich fürchtete bei seinen waghalsigen Überholmanövern, dass das Einzige was von uns noch übrig bleiben würde, dieser reparierte Zylinder wäre! 

Алексейб, ein reparierter und gereinigter Zylinder und Xoff mit Strahlegesicht

Zurück bei unserem LKW machten wir uns direkt an den Wiedereinbau! Das knifflige für zwei Lehrlinge wie wir waren dabei einerseits die sehr begrenzten Platzverhältnisse rund um diesen Zylinder und die Tatsache, dass wirklich alles in diesem Motorenbereich von einer zähflüssigen Schicht Öl gemischt mit 20000 Kilometer Strassendreck grosszügig überzogen war. 

Einbau unter beengten Platzverhältnissen

Dann aber ging alles plötzlich ganz schnell: Zylinder montieren, mit der grossen Klistierspritze (warum haben wir so eine dabei?) Bremsflüssigkeit luftfrei ins System pumpen, eine Testrunde auf dem Parkplatz drehen und fertig ist der LKW für den Rest der Fahrt! Zufrieden schrubbten wir uns die pechschwarzen Ölschichten von Händen und Köpfen und entledigten uns der dermassen verdreckten Kleider, dass sich wohl sogar der Ölmessstab weigern wird, sich von diesen Lappen noch abwischen zu lassen. Mein Riesen-Merci geht an all die netten Menschen, die unsere Kupplung wieder zum Leben erweckt haben, insbesondere an den Taxifahrer Алексей! Good Car, good driver! Wuala! Für heute genug der Arbeit, wir verschieben die Weiterfahrt deshalb auf morgen, dann heisst es wieder давай!


Einmal mehr hat sich gezeigt, dass das Glück reparaturtechnisch wieder einmal auf unserer Seite stand! 

unser Tracker zeichnet auch Probefahrten auf...:)


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