Voraussichtliche Reisedaten

Freitag, 19. Juli 2019

19. Juli 2019 | Legnica (PL) – Görlitz – Dresden – Chemnitz – Zwickau – Hof – Nürnberg – Heilbronn - Stuttgart– Bruchsal (D) | 758 km | zweitletzte Etappe

Gestern vergass ich komplett, mein persönliches Lastwagenchauffeurjubiläum bekannt zu geben und zu feiern: ich bin seit gestern mit meinen mittlerweile über 10'000 km am Steuer eines Lastwagens der Kategorie C vom Status des Lehrlings zum Novizen aufgestiegen...Juhui!

Nachtrag von gestern: derNachtplatz in Legnica

Natürlich gab's heute wieder den Schwarztee mit Milch(pulver) und viel Zucker...dazu hatte Lorenz im Tankstellenshop zwei Hot-Dog-Brötchen ohne Dog (Würstchen) organisiert, die noch warm waren, innen ein langes Loch hatten und mit russischen Honig bestrichen erstaunlich gut waren.
So konnte der zweitletzte Reisetag gut starten und anfangs stralte sogar ein wenig die Sonne, was sich aber schnell ändern sollte. Leider regnete es einen grossen Teil des Tages und der Himmel war zumeist verhangen. Deshalb gibt es heute kaum neue Fotos.

Von Legnica in Polen waren es kaum 100 km bis zur Deutschen Grenze, die wir beinahe verpasst hätten, denn da war kein Grenzposten und das Schild, auf dem «Willkommen in Deutschland» steht, haben wir nur aus dem Augenwinkel gesehen. So schnell und unkompliziert war schon lange kein Grenzübertritt mehr! Er hat etwa eine Zehntelsekunde gedauert – sogar zu wenig um auch nur daran zu denken, den Pass hervor zu nehmen.

erster Stopp: Maut bezahlen. 130 € für die Strecke Dresden - Basel. 

Über die Strassenverhältisse in Deutschland muss ich nicht viel schreiben. Die Autobahn auf der wir bis in die Gegend von Stuttgart gefahren sind, war schlicht perfekt. Es hatte genau zwei Schlaglöcher, die wir beide erfolgreich getroffen haben, dazu drei Bodenwellen und auf etwa drei Kilometern hatte es eine Spur von Spurrillen. An einigen Stellen war die Markierungsfarbe etwas verblasst und einmal hatte es sogar etwas Abfall am Strassenrand...nicht schlecht für über 600 Kilometer…;)
Allerdings haben so gute Strassenverhältnisse auch ihre Nachteile. Alle wollen darauf fahren. Möglichst viel und möglichst lange und möglichst schnell. Und wenn immer möglich alleine im Auto. Hin und zurück. Wahrscheinlich suchen sich die Deutschen und alle, die die Deutschen Autobahnen befahren immer wieder Gründe, um darauf zu fahren. Jeden Tag. Hin und zurück. So oft wie nur möglich. Bestimmt ist es bei so guten Strassen verpönt, in der gleichen Gemeinde zu arbeiten wie man wohnt. Hip sind Arbeitsorte, die möglichst weit entfernt und direkt an der Autobahn liegen. Wenn immer möglich fährt man auch zum Mittagessen auf der Autobahn nach Hause, denn das Fahren auf der Autobahn ist so toll. Jeder macht es. «Fahr'n, fahr'n, fahr'n, auf der Autobahn» ist wahrscheinlich der Lieblingssong der Deutschen.
Und deshalb gibt es überall und immer Staus. Das lieben die Deutschen. Wer nicht mindestens 50 Stunden pro Monat im Stau steht muss den Führerschein abgeben. Und das Kontrollschild seines Autos. Fahren. Stehen. Fahren. Stehen. Vor allem Stehen. Des Deutschen Leidenschaft.

Im Stau stehen. Eine Deutsche Passion.

Wir haben Staus nicht so gerne. Deshalb fuhren wir fast ausschliesslich in Gegenrichtung und konnten deshalb die Stausteher aus Passion über viele Kilometer beobachten. Es war ein schönes Bild. Ganz ruhig und gesittet. Mit einem Lächeln im Gesicht stehen sie im Stau. In ihren schönen Autos, die eigentlich zum Fahren gebaut wurden. Aber sie stehen auch gut, die Autos.

Auch wir hatten Stau. Oder besser: zähflüssigen Verkehr.

Die Landschaft – sofern wir wegen der vielen Bäume entlang der Autobahn überhaupt etwas davon sahen – war schniecke und super gepflegt. Schöne Felder, nette Dörfer, viele Wind- und Sonnenfarmen, sehr viele kulturelle Hinweisschilder am Autobahnrand und sehr saubere und gepflegte Parkplätze und Raststätten rundeten das Bild ab und liessen uns unmissverständlich erkenne, dass wir uns im wohlgenährten, reichen und sicheren Westeuropa befanden.

Nicht dass wir uns auf dieser Reise je unsicher gefühlt hätten – ausser vielleicht in der Nacht in Волгоград (Wolgograd) als wir von einem Betrunkenen angegriffen wurden und er das Seitenfenster eingeschlagen hat – im Gegenteil, wir waren immer sicher, wurden immer zuvorkommend und anständig behandelt und es wurde uns immer geholfen, auch wenn wir gar keine Hilfe benötigt hätten. Aber hier in Deutschland hatte ich so ein klares und deutliches Gefühl von (vermeintlicher) Sicherheit und alles vermittelte einen Eindruck von sauber, gepflegt, geordnet, geregelt und – eben – sicher. Aber dieser Eindruck kann täuschen, was allein an den Namen der Orte, an denen wir vorbei gefahren sind leicht zu erahnen ist. Ich sag nur «Zwickau». Oder Hoyerswerda.

Windfarm, eine davon.

Ich möchte ein paar Orte herausheben, die mir nahe sind und zu denen ich eine Art von Beziehung habe.

Zuerst war das Görlitz. Meyer Optik Görlitz. Die haben zwei meiner Objektive (Trioplan 50 und 100) hergestellt. Das sind Objektive der Sonderklasse, denn sie sind technisch mehr als Hundert Jahre alt und waren damals die besten Objektive überhaupt. Sie wurden neu aufgelegt und an die modernen Kameras angepasst, d.h. man kann sie an moderne Kameras anschliessen...die Technik ist aber die Alte. Kein Autofokus. Blende muss manuell eingestellt werden. Aber man kann Fotos wie früher machen. Mit einem wunderbaren Bokeh (Hintergrundunschärfe).

Elbsandsteingebirge. Da will ich irgendwann mal sehen. Muss grossartig sein. Landschaftlich.

Radebeul. Da ist das Karl May-Museum. Und da wohnt Beate von Himbeer. Bitte verzeih, dass wir nicht auf eine Stippvisite vorbei gekommen sind...aber der Stalldrang war zu stark…;)

Dresden. Da spielt der Roman «Slaughterhouse Number Five» von Kurt Vonnegut Jr. Da möchte ich mal hin. Die Stadt soll auch sehr schön sein. Schön rekonstruiert, nachdem die Amis sie im Zweiten Weltkrieg in letzter Minute noch total zerstört haben.

Sächsische Schweiz. Beate hat immer davon geschwärmt. Andere auch. Das muss ich auch sehen. Und die Fotokamera mitnehmen.

Zwickau. Da will ich nicht hin. Da will niemand hin.

Erzgebirge. Eher ein Hügelland, so viel ich gesehen habe. Aber sehr interessant, glaube ich. Ein Must-See auf einer Reise in den Osten Deutschands, denke ich. Mit Fotoapparat.

Nürnberg. Puppenkiste. Spielzeug. Bootsmesse. Grosse Stadt. Will ich sehen. Irgendwann.

Und da waren noch so viele Orte, die an der Autobahn auf braunen Schildern beworben wurden. Architektonische, landschaftliche, literarische, kulturelle, museale, technische, kriegerische, menschliche und wasweissich noch alles für Aspekte in dieser Ecke Deutschlands einen interessierten Reisenden locken – mich reizte es ungemein, da und dort anzuhalten, auszusteigen, Zeit zu verbringen und das Gute und Schöne und Interessante wahrzunehmen.

Vielleicht steige ich irgendwann mal auf mein Motorrad und bereise diese Gegend in Ruhe und mit der Kamera ausgerüstet...ich werde berichten. Aber nicht morgen und auch nicht übermorgen.

Die Heimat kam immer näher, die Ortsnamen wurden bekannter und schliesslich bei Heilbronn und dann bei Stuttgart. Und Basel war nur noch etwa 200 km entfernt. Jetzt war Zeit einen Platz zum Schlafen und vor allem ein Abendessen zu suchen. Aber bitte nicht Raststätten-Frass, sondern ein richiges Restaurant, welches wir in Bad Schönborn fanden weil wir einfach von der Autobahn runter gefahren sind und mit Hilfe des Navigationsgeräts die nächste Gaststätte angefahren haben. Geparkt haben wir in dem engen, kleinen Dorf auf dem Kundenparkplatz der Sparkasse und Im vollen Restaurant hatte es am Tisch von Petra und Wolfgang noch zwei Plätze frei. Es war ein in jeder Hinsicht gutes und schönes und perfektes Abendessen. Ein alkoholfreies Bier, ein feiner Menüsalat, ein leckeres Cordon Bleu und sehr sympathische Tischnachbarn mit denen wir ein angeregtes und heiteres Gespräch über das Reisen und das leben führen durften. Danke Petra und Wolfgang!

Der Standplatz für die Nacht ist nicht besonders romantisch oder kuschelig, aber zweckmässig und sicher: auf dem Rastplatz Bruchsal, etwas 6.50 m von der Leitplanke entfernt, eingeklemmt zwischen einem Sattelschlepper und der Begrenzung des Parkplatzes, in unmittelbarer Nähe zur Tankstelle und mit dem Brummen und Zischen der ohne Geschwindigkeitsbegrenzung vorbei flitzenden Fahrzeuge im Ohr verbringen wir die letzte Nacht dieses Abenteuers – und ich bin überzeugt, dass ich genau so gut schlafen werde wir in allen vorherigen Nächten.

Morgen hoffen wir gut durch zu kommen und gegen Mittag in Basel einzutreffen...ich werde berichten.



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