Voraussichtliche Reisedaten

Donnerstag, 20. Juni 2019

20. Juni 2019 | Ош (Osh) - Озгон (Uzgen) (KG) | 72 km | Wasch-, Service- und Radwechseltag

Da im Frühstück im am Hotel Biy Ordo angeschlossenen Restaurant die englische Teekultur noch nicht Einzug gehalten hatte musste ich mit einem schnöden Schwarztee mit viel Zucker Vorlieb nehmen...aber die Crêpes mit Sauerrahm und der Griesbrei entschädigten mich. Morgen hoffe ich wieder einen Schwarztee mit Milch(pulver) und viel Zucker brauen zu können, wodurch mein Aufstehen selbstverständlich einen noch freudigeren Anstrich bekommen wird…;)

Heute war keine grosse Etappe geplant, sondern wir wollten ein paar kleinere Reparaturen, Servicearbeiten und einen Radwechsel vornehmen, wofür wir in der Vorstadt von Osh entsprechende Orte anfuhren.

Die Checkliste

Als erstes war aber eine möglichst bussenfreie Fahrt aus dem Stadtzentrum geplant. Hier kostet laut Aussage eines Zürcher Motorradmechanikers, den Lorenz vor zwei Tagen in seiner Osher Werkstatt kennengelernt hatte, das Missachten des Lastwagenverbots in der Stadt 80 US$ Strafe. Also wählten wir einen Weg, der uns so rasch wie möglich aus dem Innenstadtperimeter hinausführen sollte – aber als wir losfuhren und in die Hauptstrasse einbogen sahen wir keine 100 m von unserem Hotel entfernt eine Polizeistreife. Beide Polizisten standen auf der Strasse und sahen uns zu, wie wir ohne sie eines Blickes zu würdigen an ihnen vorbeifuhren und….taten nichts! Sie winkten weder mit ihren Kellen, dem unverzichtbaren Statussymbol jedes Polizisten in Zentralasien, noch hüpften sie in ihr Fahrzeug und fuhren uns mit Sirene und Rot-Blau-Licht hinterher. Es passierte schlicht nichts...nicht dass wir darauf erpicht gewesen wären, eine Busse zu zahlen...aber wir waren doch fast ein wenig enttäuscht, dass uns so wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde.
Diese Missachtung unserer Präsenz verführte uns, gleich nach der nächsten Kreuzung in der rechten von zwei Fahrspuren in unserer Richtung dreist mitten im Verkehr anzuhalten und ich machte mich – während Lorenz im Muni wartete – auf die Suche nach einer Wechselstube, wo ich nach ein bisschen Warten 200 US$ in Com wechselte. Als ich nach einer gefühlten halben Stunde wieder zurück kam, stand der Muni immer noch am gleichen Ort und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen ohne von Gesetzeshütern behelligt worden zu sein.

Etwa 200 m vor der usbekischen Grenze – hier sind die Länder sehr eng ineinander verflochten, so dass man fast schon aufpassen muss bei der Routenwahl nicht aus Versehen in ein anderes Land fahren zu wollen – kamen wir in eine Strasse, wo eine Lastwagengarage nach der anderen gelegen ist. Zuerst fuhren wir eine Lastwagenwaschstation an, wo unser Muni eine Generalwäsche erhalten sollte. Ein sehr aufdringlicher Lastwagenwäscher wollte uns unbedingt zu sich in die Box lotsen, aber Lorenz – er kann das total gut! - fragte ihn nach dem Preis und winkte dann mit einem Lächeln ab...und fuhr zur Konkurrenz gleich nebenan, wo wir ein um 40% günstigeres Angebot erhielten. Dort sollte die Wäsche nur 7.50 Franken kosten.

Und was für eine Wäsche das war!

Zuerst wurde der Lastwagen mit Hochdruck nass gemacht und ein erstes Mal abgespritzt.













Danach kam der Schaum. Unser Iveco 110-17 wurde von oben bis unten mit einem fett- und schmutzlösenden Schaum eingesprayt und schon nach wenigen Augenblicken lief dieser zusammen mit dem gebundenen Dreck nach unten.










Jetzt wurden Shelter und Kabine in zwei Gängen mit der Bürste fein säuberlich gereinigt.


Danach kam wieder der Wasserstrahl mit Hochdruck zum Einsatz, dann an den besonders schmutzigen Stellen noch einmal der Schaum, noch einmal die Bürste und noch einmal der Hochdruckreiniger...bis unser Fahrzeug so weiss und strahlend da stand wie es wahrscheinlich überhaupt noch nie war. Ich vermute sogar, dass das Weiss der Lackierung nach dieser Wäsche noch weisser als beim ursprünglichen Lackieren war!

weisser als weiss

Da unser Wasservorrat eh fast aufgebraucht war und das Wasser nicht mehr sehr trinkwassermässig roch, fragten wir gleich noch, ob wir den Tank hier reinigen und auffüllen dürften, was absolut kein Problem sei, wie uns versichert wurde. Also haben wir die letzten 100 l Wasser abgelassen, mit dem Hochdruckreiniger den Innenraum ausgespült und mit dem – wie uns versichert wurde –Trinkwasser den 600-Liter-Tank wieder aufgefüllt.

Glücklich und zufrieden, mit einem schneeweissen Fahrzeug und ein paar Freunden mehr machten wir uns auf die Suche nach einer Werkstätte, wo wir unsere Service- und Reparaturarbeiten durchführen könnten. Nur wenige Meter weiter lag die Hofeinfahrt zu einer grossen Reparaturwerkstätte. Die Werkstätten hier in Kirgisistan sind immer open air...das liegt am extremen kontinentalen Klima (gäll, Werner!)...und in keiner Weise mit Werkstätten in Mitteleuropa zu vergleichen. Hier gibt es keine Hebebühnen, keine sauberen Böden, keine Werkzeugwände und keine fein säuberlich aufgeräumten Ersatzteillager.
Hier wird alles improvisiert. Das beginnt beim Aufbocken eines Sattelaufliegers und geht bis zum improvisierten Ölwechsel.


Wir stellten den Muni in eine Reihe mit anderen reparaturbedürftigen Lastwagen und nahmen unsere Checkliste hervor, die wir erstellt hatten, um nichts zu vergessen.










Eines unserer Sorgenkinder war der Luftdruck im pneumatischen System, der mittlerweile innert Minuten auf die Hälfte des Betriebsdrucks absank wenn wir den Motor ausstellten. Das ist für den Betrieb an sich nicht tragisch, denn der Kompressor arbeitet zuverlässig und kann den Verlust problemlos wettmachen. Aber wenn wir morgens den Motor starten, müssen wir bei so grossem Verlust sehr lange warten und im Stehen den Motor laufen lassen um den erforderlichen Betriebsdruck herstellen zu können.
Um diese Reparatur auszuführen musste die Kabine abgeklappt werden, um an die eine, uns bereits bekannte Leckstelle heran zu kommen: beim Umschalter für die Geländegänge und die Differentialsperren leckte ein Anschluss. Dieser war aber nicht kaputt, sondern wohl durch die Beanspruchung auf den Rüttelpisten der Pamir-Highway-Etappen losgerüttelt worden.

Ein zweites Leck fand Lorenz beim Druckluftanschluss an einem der Druckluftbehälter unter dem Fahrzeug: auch dort war bloss die Verschraubung locker geworden.
Nach dem Anziehen der beiden Verschraubungen war das Druckluftproblem bereits gelöst.









Die anderen Pendenzen auf der Liste arbeiteten wir jeder für sich ab, was sehr gut und speditiv vonstatten ging.

Ein Birnchen der Positionsbeleuchtung musste ersetzt werden – wir fanden es im Ersatzteil-Container der Mechaniker, bei denen wir angehalten hatten. Sie wollten es uns am Ende sogar schenken!






Ich wechselte die Scheibenwischerblätter und hoffe, dass jetzt der Beifahrer bei Regenwetter auch Sicht auf die Strasse haben wird und sicherte die roten Feuerwehr-Zier-Kanister am Heck, damit der nächste betrunkene Halodri uns damit nicht wieder eine Seitenscheibe einwirft.

abgeklappert Kabine...sieht immer wieder toll aus!

Lorenz zog die Muttern der Federhalterungen nach (wobei diese keinen Millimeter mehr anzuziehen waren, so fest sassen sie) und kontrollierte den Kraftstoffvorfilter.
Luftfilter ausblasen...Atemschutz wird überbewertet - Chef und Arbeiter

Ich kontrollierte den Kraftstoffvorfilter und den Sitz der Verschraubungen der Anschlüsse an den Batterien und machte den Kriechrundgang mit der Fettpresse unter dem Fahrzeug.

Lorenz ölte die Motorbremsenvorrichtung, füllte etwas Motoren-Öl nach, da der Motorölstand während der vergangenen 13'000 km von der oberen Markierung in die Mitte zwischen der oberen und der unteren abgesunken war und reinigte, resp. kontrollierte den Luftfilter und den Lufttrockner in der Pneumatikanlage.

abenteuerliches Aufbocken eines Aufliegers

Das alles geschah während neben uns vier Jungen – keiner war älter als 18 Jahre! - an einem Auflieger eines Sattelschleppers eine grössere Reparatur am Fahrgestellt vornahmen. Es hat mich erstaunt, dass so junge Menschen hier als Arbeiter derart schwierige und anstrengende Arbeiten verrichten. Die Vier machten ihre Arbeit aber sehr zuverlässig, auch wenn ihr Arbeitsplatz auf dem Naturboden im Kies und Staub keineswegs vorbildlich war. Wenn ich mit den aufgeräumten, sauberen Werkstätten in der Schweiz vergleiche wundere ich mich, dass die Reparaturen hier scheinbar zuverlässig und zur Zufriedenheit der Fahrer und Besitzer der Fahrzeuge vorgenommen werden.

Kaschemme auf dem Werkstattgelände

Nachdem alle Punkte der Liste in Rekordzeit erledigt war leisteten wir uns ein einfaches aber feines Mittagessen in der kleinen Bude, die der Reparaturwerkstatt angeschlossen ist. Dort wurden wir sehr freundlich und zuvorkommend bedient und durften den besten Plow, ein einheimisches Reis-Misch-Gericht, geniessen, den wir bisher hatten.

Der Koch

Wir verabschiedeten uns von allen, die uns geholfen und unterstützt hatten, Lorenz drückte den beiden Patrons ein Trinkgeld in die Hand, denn sie wollten von uns kein Geld und wir fuhren, nicht ohne freundlich getrötet zu haben, vom Gelände...auf der Suche nach jemandem, der uns die Räder wechseln sollte.

Die Chefs in ihrer Werkstatt

aufgebockter Muni
Da die Vorderräder aufgrund der Federung der Einzelradaufhängung leicht schräg auf dem Untergrund stehen, werden sie unregelmässig abgenutzt und haben aussen weniger Profil als innen. Durch ein Tauschen der Vorder- und Hinterräder – das geht weil diese Reifen keine Laufrichtung haben und indem man sie dank der entsprechenden Felgen abmontiert und verkehrt an der anderen Achse wieder montiert und – sollte die Abnutzung kompensiert werden.

unser Mann für die Radwechsel

Wir fanden den richtigen Mann auf einem anderen Lastwagenwerkstattgelände. Er bockte unser Fahrzeug mit Luftdruck-Wagenhebern einseitig auf, löste mit einem Luftdruck-Radmuttern-Schrauber die Muttern, wechselte die Räder und wiederholte das Ganze auf der anderen Seite. Vier Räder abmontieren und wieder montieren dauerte knapp eine halbe Stunde und kostete umgerechnet ebenfalls 7.50 CHF wie das Waschen.

wichtiges Werkzeug: der Luftdruckradmutternschrauber...oderso

Jetzt war der Muni wieder auf Vordermann gebracht und wir konnten sehr zufrieden losdüsen.
Radleichen neben der Werkstatt
Wie ist dieser Schaden wohl zustande gekommen?
ein Mercedes, es fehlt nur noch die Lackierung und er ist wie neu
eine Achse wird ihrer neuen Verwendung zugeführt
Reifenschadenimpression I

Reifenschadenimpression II
Lackierarbeit unter freiem Himmel
Radwechsel-Team
zum Abschluss erteilt Lehrer Pardey eine kleine Geografie-Lektion

Das Navigationsgerät wies uns den Weg Richtung Arslanbob, wo wir als nächstes Halt machen wollen. Natürlich kamen wir nicht so weit – das war auch gar nicht das Ziel. Wir wollten ein wenig von Osh weg fahren und einen guten Nachtplatz finden, wenn möglich in der Nähe eines Restaurants. Diesen fanden wir nach rund 50 km Fahrt in der Nähe der kleinen Stadt Uzgen.

unterwegs nördlich von Osh

Hier assen wir in einem modernen Restaurant lokale Speisen (Lagman und Schschlik) und beendeten den Abend mit einer geteilten, letzten Flasche Bier in der Kabine mit Blick auf den Abendhimmel.

Abendstimmung vom Nachtplatz aus


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