Voraussichtliche Reisedaten

Dienstag, 4. Juni 2019

4. Juni 2019 | Samarkand (UZ) | Wart(ungs)- und Besuchstag

Der heutige Tag stand im Zeichen von Wartung und Besuch. Und natürlich einem feinen Frühstück mit Schwarztee mit Milch(pulver) und viel Zucker. Und dem Warten. Auf das Visum.

Worauf wartet sie?

Irgendwie stand eine Entscheidung an wie es weiter gehen soll, denn das Warten ist auf Dauer nicht wirklich erfreulich. Vielleicht gehe ich es auch geistig falsch an. Oder vielleicht hätten wir den Aufenthalt in Usbekistan anders planen sollen. Aber dazu weiter unten. Zuerst die Hard-Facts.

Unser Fahrzeug benötigt – wie jedes fahrende Vehikel – Zuneigung und Pflege, sonst geht es ihm so wie den beiden Lastwagen auf dem Gelände des Buchdepots hier in Samarkand: es stirbt letztendlich den Tod durch Rost.
Unserem dreissigjährigen Neuwagen soll es nicht so gehen und so prüften wir den Ölstand in den Planetengetrieben der Hinterachse, schauten nach dem Ölstand im Motor, schmierten die beweglichen Teile, die mit einem Schmiernippel versehen sind und gaben auch den Blattfedern an ihren Auflagen eine gesunde Portion Fett, damit die zu erwartenden Unebenheiten der zukünftigen Strecken noch besser und weicher abgefedert würden.

él einfüllen mit Thomas' Spritze

Beim linken Hinterrad fiel uns auf, dass der Ölstand leicht unter dem Soll-Niveau lag, was durch Öffnen der Kontrollschraube an der Abdeckung des Planetengetriebes durchgeführt wird. Da die Schraube in der Einfüllöffnung auch mit leichter Gewalt nicht zu lösen war – wir wollte keine rohe Gewalt einsetzen und eine Beschädigung in Kauf nehmen – musste Öl durch die Kontrollöffnung eingefüllt werden...aber wie und womit? Zum Glück hatte uns Thomas, Lorenz' Vater, eine Notapotheke mitgegeben, so dass wir die darin enthaltene Spritze zweckentfremden konnten (Danke Thomas!)….leider werden wir im Fall der Notwendigkeit einer lokalen Anästhesie - was hoffentlich nicht eintritt - kaum dieselbe Spritze verwenden können...aber auch dann werden wir eine Lösung finden.
Beim Einschrauben der Schraube – nachdem selbstverständlich ein neuer Kupferdichtring aufgelegt wurde, merkte ich, dass das Gewinde der Schraube fast gänzlich abgedreht war und sie sich nicht mehr festziehen liess. Da muss bei einer früheren Wartung ein Problem aufgetreten oder mit zu viel Kraft angezogen worden sein. In Ermangelung einer Ersatzschraube hoffen wir nun, dass die vorhandene hält und kein Öl ausläuft...da ist sicher besondere Aufmerksamkeit beim Rundgang vor jedem Start gefordert.
Deutsches Reisemobil russischer Bauart

Nach der Wartungssession meinte ich ein dankbares Glänzen in den Scheinwerfern des Iveco-LKW bemerkt zu haben...vielleicht was das aber auch nur Einbildung.

Die zweite Tasse Schwarztee mit Milch(pulver) und viel Zucker trank ich während Lorenz mit der Fettpresse unter dem Lastwagen von Schmiernippel zu Schmiernippel kroch – wir wechseln uns bei dieser Tätigkeit ab...heute war er dran. Ungeduldig schaltete ich regelmässig das Skyroam WiFi-Gerät ein und prüfte, ob nicht die Bestätigung unserer Visaanträge gekommen war...aber nichts!


Hingegen kündeten sich Vreni und ihr Vater für einen Besuch bei uns an...ihnen war wohl ebenso langweilig beim Warten auf die Visa. Sie hatten den Antrag gleichentags wie wir gestellt und auch noch keine Antwort erhalten.
Sie tauchten anfangs Nachmittag mit dem Taxi statt mit den Motorrädern auf dem Gelände auf, ich kochte – wen erstaunt's? - Schwarztee und wir schnackten fröhlich miteinander. Zentrales Thema war – logisch - das Visum für Tadschikistan.
Warum das wohl bei uns vier Schweizern so lange dauert?
Was haben denn die Deutschen gemacht, die es innert 24 Stunden erhielten?
Schön wäre, wenn man einen genaueren Status im Internet ersehen könnte!
Was machen wir wenn es morgen immer noch nicht kommt, wo doch dann der Ramadan zu Ende ist und das ganze Land feiert und kaum ein Geschäft geöffnet ist?
Müssen wir dann bis Montag warten, was noch einmal vier Tage des Rumsitzens bedeuten würde?
Wann wird unser Zeitplan durcheinander geworfen?
Welcher Zeitplan?


Irgendwann setzten sich Vreni und Lorenz ans Backgammon-Brett und er lehrte die scheinbar begabte Spielerin dieses spannende Spiel, während Werner und ich uns mit Diskussionen und Gesprächen über sehr viele verschiedene Themen – unter anderem Fragen rund um die Pensionierung, resp. die Life-Work-Balance im dritten Teil des Lebens - beschäftigten. Er konnte mir ein paar sehr interessante Tipps und Informationen geben.

Und dann verdunkelte sich der Himmel dramatisch, Grollen war zuerst in der Ferne und dann immer näher zu hören, bald zischten auch Blitze zwischen Boden und Wolken und schliesslich begann es zuerst zu regnen und dann zu schütten, was auf dem Blechdach des Lagergebäudes, unter dem wir zwei alten Männer uns mit den bequemen Campingstühlen in Schutz gebracht hatten (Lorenz und Vreni sassen im Shelter und spielten immer noch Backgammon), einen ohrenbetäubenden Lärm verursachte, sobald die Tropfen gross und zahlreich von oben herabfielen. Blechdächer gibt es in ganz Zentralasien überall...mir war der Umstand, dass diese bei Regen so laut den Aufprall der Regentropfen wiedergeben, bisher nicht aufgefallen.


Gegen Abend, als der Hunger sich meldete – Lorenz und Vreni spielten noch immer Backgammon – und der Regen nachgelassen hatte, nahmen wir ein Taxi zu einem der grossen Restaurants etwa in der Mitte zwischen unserem Standplatz und dem Hostel der beiden Anderen in der Nähe des Registon-Platzes. Wir waren nach einer grösseren Familie, die im Erdgeschoss des gegen einen grossen Garten offenen Restaurants bereits Platz genommen hatten und uns beim Hochsteigen auf die Terrasse aus etwa 15 Augenpaaren interessiert nachschauten, die zweite Gästegruppe.
Die Tische waren noch nass vom Regenguss, der Boden glänzte vom Wasser und die zum Schutz unter dem Tisch versorgten Sitzkissen wurden hervorgeholt, bevor wir die glücklicherweise mit aussagekräftigen Fotos ausgestattete Speisekarte ausgehändigt wurde. Eine für alle Vier. Die Auswahl in dem scheinbar sehr beliebten und auch auffällig grossen Restaurant war sehr umfangreich – allein rund 20 verschiedene Salate füllten zwei Seiten. Wir bestellten so, dass alle von allem kosten konnten und wurden sehr zuvorkommend bedient. Im Gegensatz zu den meist eher einfachen Gaststätten in denen wir essen, wurde hier auf umfassenden Service und reichhaltige Speisen grosser Wert gelegt, was sich in der Zubereitung, der Präsentation und auch dem Geschmack der Speisen deutlich bemerkbar machte. Mir schmeckten die Salate, die Suppe, die ich noch bestellt hatte und die Hauptspeise – einer Art Hackbällchen in Zwiebel-Tomaten-Sosse – sehr gut.
Im Hintergrund spielte ein von einem Geiger unterstützter DJ landestypische Musik, die für mein altes Gehör leider etwas zu laut war, sodass ich während des Gesprächs am Tisch mehrmals nachfragen musste, weil die Worte der Anderen akustisch nicht bis an mein Innenohr dringen konnten, sondern von den wunderbaren orientalischen Melodien in der Luft zerrissen wurden.

Beim Bezahlen neigte sich ein guter, angenehmer Tag im Kreis mit lieben Menschen dem Ende zu und wir erstanden ein paar Liter Trinkwasser und zwei samarkander Brote, bevor wir mit einem der vielen gelben Taxis in «unser» Quartier gefahren wurden.

Nun, wie angekündigt, die Bemerkungen zum Warten und dessen Auswirkungen, respektive zu den Alternativen, die sich angeboten hätten...oder der Frage, die ich mir nächstes Mal in einer solchen Situation stellen sollte: Will ich warten oder will ich unabhängig von der Situation mein Programm bestimmen….wie gehe ich das nächste Mal mit so einer Situation um?


Ausgangslage: ich stelle einen Visumantrag, der im Minimum einen Tag, im Maximum unbestimmt lange zur Bearbeitung benötigt.
Möglichkeit 1: ich bleibe wo ich bin, setzte mich hin wo ich bin und warte wo ich bin.
Möglichkeit 2: Ich bleibe wo ich bin und unternehme in der näheren Umgebung Exkursionen und schaue mich um, ruhe mich aus und warte.
Möglichkeit 3: ich pfeife auf die Dauer der Bearbeitung des Antrags und ziehe einen grösseren Kreis um den Ort, fahre wohin ich will, schaue mir andere Orte an, erkunde die Landschaften in Nah und Fern und überprüfe gelegentlich den Status des Antrags.


Wir haben uns für die zweite Variante entschieden – vor allem weil wir annahmen, der Antrag würde rasch erledigt.
Ich würde ein nächstes Mal jedoch für Variante drei plädieren, denn so kann ich mein Programm bestimmen und entscheiden, was ich während der Wartezeit mache. Da das Visum 30 Tage gültig ist, wir aber nur deren 15 bis 20 für den Pamir-Highway benötigen, hätten wir genauso gut eine Woche in Usbekistan Land und Leute, Städte und Berge, Sehenswürdigkeiten und das einfache Leben besuchen können.


Es gibt immer verschiedene Varianten, eine Situation anzugehen und später ist man meist klüger...machmal drängt es sich aber meines Erachtens auf, das Heft in die Hand zu nehmen und unabhängig von den äussern Bedingungen selber zu bestimmen wo es lang gehen soll. Besonders in Situationen, die man so schlecht beeinflussen kann wie jetzt.


Diese Zeilen sind kein Klagen, sondern die kritische Betrachtung eines Zeitraums, die mir dabei helfen soll, in Zukunft bewusster zu reagieren und mehr Eigeninitiative an den Tag zu legen.


In Anbetracht der Ungewissheit, wann und wie unser Visumantrag behandelt und beantwortet wird, haben wir uns entschlossen, morgen Richtung Nordosten weiter zu fahren und allenfalls östlich von Tashkent im Fall einer positiven Beantwortung in den nächsten Tag noch nach Tuschanbe und auf den Pamir-Highway zu fahren, andernfalls jedoch diese Exkursion fallen zu lassen und unseren Weg Richtung Kirgisistan mit seinen grossartigen Berglandschaften und spannenden Routen fortzusetzen. Wir wollen nicht mehr warten, sondern unsere Reise fortsetzen. 

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