Voraussichtliche Reisedaten

Dienstag, 14. Mai 2019

13. Mai 2019 | Волгоград (Wolgograd) - Дубовка (Dubovka) (RU) | 99 km

Heute stand die Reparatur des eingeschlagenen Seitenfensters auf dem Tagesplan.

Am gestrigen Sonntag hatten wir in der grossen Einrichtungs-Meile in Tulaka, einem Stadtteil von Wolgograd, in einem Bodenbelags-Geschäft einen brauchbaren Tipp erhalten. Andrej, ein sympathischer junger Angestellter stellte uns in Aussicht, Plexiglas in der erforderlichen Dicke von 5 mm besorgen zu können und prompt erhielt ich um 10 Uhr eine SMS, das gewünschte Material sei verfügbar.

Also fuhren wir nach einem nahrhaften Frühstück aus unserer Bordküche, das uns perfekt auf den arbeitsreichen Tag vorbereitete, mithilfe von Tante Googles Offlinekarten zielsicher zurück zu Andrejs Geschäft und er führte uns gegenüber in einen Laden, wo Glas und Spiegel auf Bestellung zugeschnitten werden. Über ein Gewirr von Gängen und Treppen gelangten wir zu den Arbeitern im Hinterhaus, die die Waren zuschnitten, von denen kein einziger Russe war. Da waren Armenier, Afghanen, Aserbaidschaner und Türken, die in einer grossen Werkstatt im ersten Stock eines Industriegebäudes mit einfachsten Mitteln die zerbrechlichen Werkstücke zuschnitten.
In einem Regal standen drei Plexiglasplatten, davon eine mit 6 mm Dicke, die wir als unser neues Fenster erkoren.

Türverschalung entfernt
Zurück beim Muni nahmen wir zuerst die Tür-Innenverschalung ab und vermassen das Fenster, nachdem wir uns über den Mechanismus und die Art des Einbaus den Kopf zerbrochen hatten. Lorenz ging mit den Massen ein Stück Plexi zuschneiden, während ich auf das offene Fahrzeug und die grosse Auslegeordnung von Werkzeug und Material aufpasste.







zuschneiden und anpassen
Das Einpassen des Stücks, das wir noch in einem ungeraden Winkel ablängen, an einer Ecke abrunden und an den seitlichen Kanten für die Führung in den Schlitzen abfasen mussten, erforderte fast das gesamte Werkzeug einschliesslich Bohrmaschine und Winkelschleifer, der uns gute Dienste leistete. Das Ablängen und das Abrunden erledigten wir mit der Trennscheibe, wobei mir der durch die Reibungswärme verflüssigte Kunststoff den Unterarm fast verbrannte und die Plexiglasflocken um die Ohren flogen. Für das Abfasen - die Dicke von 6 mm war definitiv zu stark und hätte die Leichtgängigkeit des Hebe- und Senkmechanismus des Fensterhebers arg beeinträchtigt – verwendeten wir eine Schleifscheibe.










einpassen
Für das Einfahren des zugeschnittenen Plastik-Fensters – wir mussten es mehrmals ein- und wieder ausbauen um eine gute Passung zu erreichen – verwendeten wir unsere Handseife zum Schmieren. 



















Hebeschiene mit Kabelbindern gesichert
Die Hebe-Schiene, die am unteren Ende des Fensters die Verbindung zum Hebemechanismus herstellt und in der vorher das zerborstene Glas in einer Gummiführung eingeklemmt war, war nach 30 Jahren fast komplett vom Rost zerfressen, aber wir schafften es, die neue Scheibe einzuklemmen und sicherten sie mit drei Kabelbindern, die durch Löcher im Plexiglas gezogen wurden.







fertige neue Seitenscheibe
Am Ende, nach rund 2 Stunden werkeln, basteln, probieren, ausmessen, nachdenken, diskutieren, Ideen haben und verwerfen sowie einigen kurzen Gesprächen mit hilfsbereiten Russen und gerade rechtzeitig vor dem herannahenden Regenguss war unser neues Fenster eingebaut, schloss korrekt und liess sich mit ein wenig Hilfe beim Herunterkurbeln – um die Kabelbinder-Konstruktion nicht über zu beanspruchen – problemlos öffnen und schliessen. Und das Wichtigste: als Fahrer sieht man wieder auf den lebenswichtigen Rückspiegel, kann so den rechts herannahenden Verkehr erkennen und beim Manövrieren den Überblick behalten. Als Beifahrer ist man wieder in der Lage, den Fahrer zu unterstützen und selber die Aussicht nach rechts zu geniessen.

Als alles versorgt, der Abfall in der gleich nebenan stehenden Tonne entsorgt und der Shelter verschlossen war, fuhren wir mächtig stolz los und konnten ein neues altes Gefühl der freien Sicht auf den Verkehr geniessen während der Regen niederprasselte und die Strassen in Ermangelung eines funktionierenden Abwassersystems in Minuten zu Bächen und kleinen Tümpeln werden liess.

Da es schon nach drei Uhr am Nachmittag war suchten wir auf der Ausfallstrasse aus Wolgograd, das für uns nach der unangenehmen Nacht mit dem Alkoholiker-Angriff und dem gestrigen ausgedehnten Besuch der Gedenkstätte auf dem Mamay-Hügel keinen weiteren Reiz mehr ausübte, ein Restaurant um unseren mittlerweile auf Bärenstärke gewachsenen Hunger zu stillen. Wir schafften es aber, alle solchen Etablissements zielstrebig zu umfahren und fanden erst nach rund 50 km ein кафе (Café), wo uns aus der Auslage mittels Fingerzeig ausgesuchtes Essen in der Mikrowelle «zubereitet» wurde. Es schmeckte wirklich gut – nicht nur weil wir hungrig waren!

östliches Ufer in der Ferne von einer Anhöhe aus sichtbar
Die Strasse Richtung Saratov, unserem nächsten grossen Etappenziel, führt entlang der Wolga, die hier in ihrer ganzen Breite rechterhand liegt. Das andere Ufer ist nur von Anhöhen aus sichtbar und der Fluss wirkt eher wie ein See denn ein Fliessgewässer. Auch hier begleiteten uns die immensen Ablagerungen, die der Fluss und davor die Gletscher haben liegen lassen und wieder ist die Landschaft von den kleinen Canyons, wie wir sie schon bei unserer ersten Begegnung nach der Fahrt durch Kalmükien kennengelernt hatten, durchzogen. Die Vegetation ist in voller Blüte und die Erosionslandschaften sind mit einem grünen Teppich, mit vielen weissen und wenigen farbigen Blüten und dem schönen Steppengras mit den im Sonnenlicht weiss wogenden Halmen überzogen. An einigen Stellen ragen Arme der Wolga ins Landesinnere, wo Buchten mit sandstrandähnlichen Uferlinien, an denen oft Restaurants mit Sonnenschirmen bereits auf die Sommergäste warten und ein saftiger Baumbestand Schatten verspricht, malerisch, teilweise mit Fischer- und Ruderbooten besetzt, in mir ein Sommerferienfeeling erzeugten.
eine Bucht während der Fahrt vom Beifahrersitz aus fotografiert


Nicht viel weiter, nach fast 100 km, zogen wir rechts auf einen grossen Lastwagen-Restaurant-Motel-Komplex, wo wir auf dem grossen, von einem älteren Herrn in blauem Tarnanzug überwachten Parkplatz für umgerechnet 4 Schweizer Franken die Nacht verbringen können.

Aus den zwei Ortschaften früher in einem Supermarkt eingekauften Esswaren – wir hatten wieder einmal richtig Lust auf Salat – bereitete Lorenz seinen weit herum bekannten Supersalat zu und kredenzte dazu Lachsbrötchen. Ich trank – wer errät es? - meinen heiß geliebten Schwarztee mit Milch(pulver) und viel Zucker, während Lenz sich ein Schweizer Quöllfrisch-Bier genehmigte und wir uns beide zufrieden, stolz und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu einem weiteren grossartigen Tag mit gelungener Reparatur-Aktion gratulierten.

Das Gequake der Frösche im Teich hinter dem LKW-Parkplatz ist ein willkommener Kontrast zum Brummen der Kühlaggregate der Schlepper mit verderblicher Ware und den Motoren der spät abends noch eintreffenden Fernfahrer.


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